Zen oder die Kunst, vom Rauchen zu lassen

Prolog


Kennen Sie sich mit Dämonen aus? Nein? Nun, auf dieser Website möchte ich Ihnen ein Buch vorstellen, das von Dämonen handelt - genauer gesagt: es geht in diesem Buch um den Kampf gegen Dämonen aus der Sicht des Buddhismus.

Zen oder die Kunst, vom Rauchen zu lassen
entstand als Resultat meiner persönlichen Auseinandersetzung mit der Sucht des Tabakrauchens. Die von mir darin dokumentierten Methoden und Denkansätze stellen das Ergebnis eines spannungsreichen geistigen Prozesses dar, in dessen Verlauf ich schließlich erkannte, worin das Wesen dieser Sucht besteht und welche Schritte zu unternehmen sind, um die Fesseln der Abhängigkeit zu sprengen.


In der buddhistischen Philosophie, so wie sie sich beispielsweise in den Lehren des japanischen Zen darstellt, finden wir Handlungsprinzipien, die helfen könnten, das Phänomen der Nikotinsucht in einem ganzheitlichen Kontext zu betrachten. Gerade dieser größere, umfassendere Bezugsrahmen ermöglicht Lösungsansätze, die sich nicht erschließen werden, solange man versucht, das Problem mit Hilfe von Ersatzpräparaten (Nikotinpflaster, Kräuterzigaretten etc.) zu bewältigen.

Die Frage nach einer Strategie, die es erlaubt, Raucher sicher durch den Irrgarten suchtbedingter Fiktionen zu leiten, entstand, als mir durch eigenes Erleben bewußt wurde, welche Bedrohung für Körper und Geist vom "Dämon Nikotin" ausgeht. Dabei wollte ich eine "Strategie des Schreckens" unbedingt vermeiden, denn ich bezweifle, daß die Angst vor den Folgen des Rauchens ein brauchbarer Weg in die Freiheit sein kann.

Diese Angst, die jeder Raucher irgendwie kennt, da niemand die schrecklichen gesundheitlichen Konsequenzen ganz zu ignorieren vermag, kann vielleicht als Anreiz dienen, nach einem Ausweg zu suchen. Doch jene Brücke, die es ermöglicht, das Schattenreich der Sucht zu verlassen, muß eine solide Konstruktion sein. Sie kann nicht auf der Basis wechselhafter Emotionen errichtet werden.

Die traditionellen Kampfkünste Ostasiens stehen in einer besonderen Verbindung zu den Lehren des Buddhismus und des Daoismus. Hier wählt man seit jeher Methoden des Trainings, die dem Praktizierenden eine möglichst ganzheitliche Anschauung vom Wesen des Konflikts vermitteln. Die Meister der Kampfkünste betonen, daß der Kampf zwischen zwei Gegnern als Symbol für das Aufeinandertreffen zweier entgegengesetzter Energien verstanden werden kann und kämpferische Strategien somit auf jede Art von Konflikt anwendbar sind.


In zeitgenössischen Abhandlungen buddhistischer Meister des Altertums werden schädliche, das heißt lebensfeindliche Energien oft im Bild des Dämons umschrieben. So verhält es sich auch in einer sehr alten buddhistischen Geschichte, die mich in ihrer dunklen, rätselhaften Metaphorik stark beeindruckt hat und eine wesentliche Inspiration für die vorliegende Arbeit darstellte:

Ungefähr einhundert Jahre nachdem Buddha Shakyamuni in das Nirvana einging, tauchte in China ein Wesen mit dämonischen Absichten auf. Dieses Wesen war durch große Habgier verrückt geworden und sprach während es starb folgende Worte: "Mögen die Wesen dieser Erde durch den Kontakt mit meinem Körper in schmerzhafte Daseinsbereiche geführt werden. Begrabt meinen Körper unversehrt, und nach einiger Zeit wird aus ihm eine Pflanze hervorgehen, die anders ist als alle anderen. Durch den Geruch allein werden die Menschen ein großes Vergnügen empfinden, aber es wird sie ihres geistigen Friedens berauben. Diese Pflanze wird sich überall ausbreiten bis sich fast alle Wesen dieser Erde der Illusion hingeben, sie zu genießen."

Dämonen besitzen nach buddhistischer Vorstellung die Macht, den Menschen Kämpfe aufzuzwingen, aus denen nur diejenigen siegreich hervorgehen, die die Beschränkungen des Geistes überwunden haben. So ist es der Dämon Mara, dem gemäß buddhistischer Überlieferung die bedeutungsvolle Rolle zukommt, die Makellosigkeit von Siddhartha Gautama - dem Begründer des Buddhismus - zu prüfen. Buddha, der sich am Fuße eines Bodhi-Baumes niedergesetzt hatte, um vollkommene Einsicht in das Wesen der Dinge zu erlangen, mußte zunächst im Kampf gegen Mara sowohl der Verlockung als auch der Furcht widerstehen. Nachdem er Mara bezwungen hatte, erfuhr er die Befreiung des Geistes.


In diesem Sinne ist es wichtig, die buddhistische Metapher des Dämons als Symbol einer den menschlichen Interessen entgegengesetzten Kraft zu verstehen, die jedoch in ihrer letztlich erzieherischen Wirkung von unschätzbarem Wert ist. Im Falle des "Dämons Nikotin" haben wir es, wieder metaphorisch gesprochen, mit einem Gegner zu tun, der dem Menschen einige spezielle mentale Manöver abverlangt, um die verhängnisvollen Täuschungen zu überwinden, die den Raucher im eisernen Griff der Sucht gefangenhalten.

Es lag für mich als Lehrer traditioneller chinesischer Kampfkunst nahe, das Problem aus der Perspektive des Kriegers zu betrachten, der sich auf einen Kampf vorbereitet. Dieser Kampf wird - wie übrigens alle Kämpfe - allein auf mentaler Ebene entschieden. Ich begann, auf der Basis meines Wissens und meiner Erfahrungen nach einer Methode zu suchen, den Dämonen in einem einzigen kraftvollen Schlag niederzustrecken. Als ich schließlich in der Lage war, diesen Hieb auszuführen, hatte sich in meinem Bewußtsein eine bedeutungsvolle Entwicklung vollzogen.

Ich bitte Sie, dies als den elementaren Aspekt meiner Strategie zu begreifen: Der Kampf gegen die Sucht wird Sie mit jenen Kräften Ihres Bewußtseins in Kontakt bringen, die darüber entscheiden, wie Sie die Welt, in der Sie leben, wahrnehmen. Sie haben jetzt die Möglichkeit, das Wesen des Suchtkonfliktes als ein ganz und gar mentales Problem zu durchschauen. Gelingt Ihnen dies, dann sind auch Sie bereit, den entscheidenden Schlag zu führen.


Natürlich ist mir bewußt, daß sich bei dieser Herangehensweise eine Schwierigkeit ergibt, die mit konventionellen Denkweisen unserer Gesellschaft zusammenhängt: Traditionellerweise neigt man der Auffassung zu, das Führen von Kämpfen sei eine gewalttätige und außerdem rein männliche Angelegenheit. Auch wenn diese Sicht der Dinge verständlich sein mag, wenn wir uns an Beispielen des militärischen oder auch alltäglichen Machismo orientieren, so gilt es, in unserem Zusammenhang mit frischem Blick auf das Phänomen des Kampfes zu schauen.

Um den Kampf so zu führen, wie es innerhalb der buddhistischen Tradition vermittelt wird, bedarf es der Harmonie zwischen männlichen und weiblichen Kräften. Wenn Sie sich die Zeit nehmen, den Charakter der Sucht genauer kennenzulernen, dann werden Sie sehen, daß wir es hier mit einer Kraft zu tun haben, die sehr stark ist. Diese Kraft richtet sich gegen Sie.

Sie befinden sich, ob es Ihnen gefällt oder nicht, in einem Konflikt, den Sie klären und für sich entscheiden müssen, wenn Sie Ihre Lebensqualität bewahren wollen. Dieser Konflikt wird in buddhistischer Tradition als Kampf umschrieben, nicht weil Sie Gewalt oder Aggression zu seiner Lösung einsetzen müßten, sondern weil Sie souverän, gelassen und mit Weisheit an die Sache herangehen sollten.

Wird ein Meister der Kampfkunst von Feinden angegriffen, so verteidigt er sich, ohne die Nerven zu verlieren. Er weiß, was zu tun ist, auch wenn die Situation chaotisch erscheint. Das können Sie ebenfalls erreichen, wenn der Nikotin-Dämon droht, Sie zu überwältigen. Indem Sie den Kampf gegen die Sucht auf buddhistische Weise erlernen, werden Sie die bisher vernachlässigten Potentiale Ihrer Persönlichkeit stärken.

Auf diese Weise kann das Männliche, dem man traditionellerweise die Eigenschaft der Härte zuschreibt, durch weibliche Qualitäten, wie beispielsweise Flexibilität, bereichert werden. Umgekehrt wird das Weibliche, das sich bislang vielleicht primär auf eine hochentwickelte Intuition stützte, im buddhistischen Training durch ein männliches Attribut wie z.B. Zielstrebigkeit gestärkt.

Bevor Sie beginnen, die von mir entwickelten zehn Lektionen zu studieren, möchte ich Ihnen einige Hinweise ans Herz legen, die Sie unbedingt beachten sollten, wenn Sie ernsthaft daran interessiert sind, Ihre Sucht mit Hilfe meiner Instruktionen zu überwinden.

Zunächst bitte ich Sie, den Text so aufzunehmen, als würden wir uns persönlich kennen. Ich weiß, daß dies eine ungewöhnliche Forderung darstellt, aber glauben Sie mir, es ist von erheblicher Bedeutung, daß Sie meine Ausführungen so aufnehmen, als wären sie von mir direkt für Sie geschrieben worden. Es gibt einige buddhistische Meister, die ihre Vorträge stets mit der Bitte an die Zuhörer beginnen, die ausgeführten Darlegungen als ganz persönliche Hinweise zu betrachten, denn im Buddhismus mißt man nicht nur der Frage, ob ein Mensch etwas Bestimmtes tut, Bedeutung bei. Von großer Wichtigkeit ist ebenfalls, wie er es tut. Nur wenn Sie sich wirklich persönlich angesprochen fühlen, das heißt Ihr Herz öffnen, werden Sie die Veränderungen in Ihrem Bewußtsein bewirken können, die Sie letztlich dazu befähigen, sich zu befreien.

Falls Sie eine akademische Ausbildung genossen haben oder aus beruflichen Gründen mit dem Lesen umfangreicher Texte vertraut sind, verfügen Sie mit Sicherheit über Fähigkeiten, die als Punktuelles Lesen oder auch Diagonales Lesen bezeichnet werden. Im Falle des vorliegenden Konzeptes ist es von größter Wichtigkeit, daß Sie von diesen Lesetechniken keinen Gebrauch machen. Bitte nehmen Sie sich die Zeit, den Text langsam zu lesen und in aller Ruhe wirken zu lassen.

Sie kennen vielleicht die populären sogenannten Magischen Bilder, die es gestatten, mit Hilfe einer speziellen Betrachtungstechnik (z.B. Augenschielen) versteckte Formen und Figuren wahrzunehmen. In einem ähnlichen wenngleich nicht völlig identischen Sinne enthalten die folgenden zehn Lektionen Bilder, die sich Ihnen nur erschließen, wenn Sie sich langsam durch den Text bewegen und jede Hast vermeiden.

Es ist nicht notwendig, daß Sie sich während der Lektüre meiner Strategie durch sofortiges Nicht-Rauchen unter Druck setzen. Vielleicht sind Sie der Meinung, diese Auseinandersetzung hätte nur Sinn, wenn Sie Ihren Wunsch, Nicht-Raucher zu sein, augenblicklich in die Tat umsetzen. Das Gegenteil ist der Fall. Im Moment sollten Sie alles tun, um eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Körperliche und geistig-emotionale Entspannung ist der ideale Zustand für eine Tätigkeit wie z.B. Lesen, Lernen oder Denken. Da Sie als Raucher diesen Zustand wahrscheinlich nicht erreichen, wenn Sie sich zum Nicht-Rauchen zwingen, sollten Sie vorerst Ihre Routinen beibehalten.

Abschließend möchte ich Ihnen einen besonders wichtigen Rat geben. Obwohl es sich zunächst trivial anhören mag, ist dies vielleicht eine der wertvollsten Lehren, die wir aus dem Buddhismus gewinnen können: Gleich, wie sich Ihr Leben in der näheren oder fernen Zukunft entwickelt, bewahren Sie Ruhe. Die Unerschütterlichkeit eines Buddha ist nur den wenigsten unter uns gegeben, doch wenn Sie sich verdeutlichen, daß es besonders in kritischen Situationen auf eine gefaßte Geisteshaltung ankommt, werden Sie sich nicht gedankenloser Hektik überlassen.

Das Ziel buddhistischer Erziehung ist Frieden. Süchte verurteilen uns dazu, in einem inneren Krieg zu leben. Wenn Sie die folgenden 10 Lektionen in Ruhe studieren und überdenken, werden Sie in der Lage sein, den Krieg in Ihrem Innern zu beenden.

Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie einen Weg finden, den Dämonen dieser Welt ein klares Bewußtsein entgegenzusetzen und Ihr Leben so zu führen, wie Sie es sich erhoffen.

Thorre Schlaméus, November 2003