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Zen oder die Kunst, vom Rauchen zu lassen
Kapitel V - Die Angst überwinden (Auszug)
Angst ist ein wesentliches Merkmal jeder Sucht. Sie ist auch ein Merkmal
des Raucherlebens. Die meisten Raucher kennen das Unbehagen beim Anblick
der letzten Zigarette einer Packung, wenn sie noch nicht für Nachschub
gesorgt haben. Wird die Möglichkeit zu rauchen längere Zeit
eingeschränkt oder gilt sogar ein striktes Rauchverbot, wie beispielsweise
in öffentlichen Verkehrsmitteln, am Arbeitsplatz, bei Flugreisen
oder im Theater, dann haben viele Raucher damit Probleme. Es kommt dabei
nicht zum offenen Ausbruch der Angst, weil der Raucher weiß, daß
die Dauer seines "Verzichts" begrenzt ist. Die Vorstellung jedoch,
das Rauchen FÜR IMMER zu unterlassen, löst bei jedem Raucher
Streß und Ängste aus. Diese Ängste können ganz verschiedene
Ursachen haben.
Einerseits nimmt ein Raucher gewöhnlich an, daß in einem Leben
ohne Tabak etwas Wichtiges fehlen müsse. Dabei ist irrelevant, was
genau er unter diesem wichtigen "Etwas" versteht. Er vermutet
im Leben ohne Tabak eine Art Leere, vielleicht den Verlust einer helfenden
Stütze. In jedem Fall geht er vom Erleiden eines Mangels aus, wenn
er ein zigarettenfreies Leben gedanklich ins Auge faßt.
Weiterhin hat die allgemeine Beobachtung der Tabakproblematik zur verbreiteten
Auffassung geführt, daß jeder Raucher, der aufhören will,
wochenlange, schwere Entzugserscheinungen ertragen muß. Diese Sicht
wurde im Laufe der letzten Jahre von allen möglichen Seiten, beispielsweise
auch von Ärzten, so oft wiederholt, daß man sie mittlerweile
als quasi kollektive Fiktion bezeichnen könnte. Selbstverständlich
haben also Raucher mit Ängsten zu kämpfen, wenn man ihnen permanent
die schlimmsten Leidensszenarios einredet.
Damit verbindet sich ein dritter Angstfaktor; die Furcht vor dem Versagen.
Diese Angst vor dem sogenannten Rückfall hält wirklich viele
Raucher davon ab, gegen die Sucht zu kämpfen. Besonders betroffen
sind Menschen, die bereits mehrere Versuche resigniert aufgegeben haben,
denn sie befürchten mit jedem weiteren Scheitern einen erneuten Schlag
gegen ihre Selbstachtung.
Bevor ich Ihnen helfen will, diese Ängste zu überwinden, möchte
ich Sie darauf hinweisen, wie wichtig es ist, sich das Vorhandensein von
Ängsten einzugestehen. Sie erweisen sich einen Bärendienst,
wenn Sie am Glauben festhalten wollen, über jede der genannten Ängste
erhaben zu sein. Träfe dies nämlich zu, dann würden Sie
aller Wahrscheinlichkeit nach bereits jetzt nicht mehr rauchen...
Diese Ängste sind die Nahrung des Dämons. Ein Mensch, der seine
Energien verausgabt, um mit Ängsten klarzukommen, kann leicht kontrolliert
werden. Der Dämon lebt davon, die Ängste des Rauchers wachzuhalten
und zu verstärken. Sie garantieren, daß der Raucher jeden Gedanken
an den Kampf gegen die Sucht von vornherein fallenläßt. Je
mehr Furcht der Dämon in Ihnen erzeugt, desto leichter fällt
es ihm, Sie in Ketten zu halten.
Das bedeutet jedoch umgekehrt auch, daß Sie Ihre Position stärken
und Ihre Aussicht auf Freiheit verbessern können, indem Sie etwas
gegen die Angst tun. Bitte machen Sie sich klar, daß ein großer
Teil Ihrer Ansichten über das Rauchen auf der Basis von Einschüchterung
beruht. Wie frei und stark fühlt sich ein junger Mensch, wenn er
mit einer Zigarette im Mundwinkel durch die Straßen seiner Stadt
zieht! Und wie erschüttert ist er, wenn er zum ersten Mal in seinem
Leben wirklich begreift, daß er am Tabak festhängt, daß
er nicht mehr loslassen kann - wenn er begreift, daß er die Kontrolle
und seine Freiheit verloren hat.
Nun gibt es Ängste, die auf einer rationalen Basis beruhen. Falls
Sie im Zoo Ihrer Heimatstadt beispielsweise eines Tages unglücklicherweise
in das Eisbärgehege stürzen, dann befinden Sie sich in einer
Lage, die zu Ängsten extremer Art erheblichen Anlaß bietet.
Im Gegensatz dazu, beruhen die Ängste eines Rauchers auf gedanklicher
Fiktion.
Das bedeutet nicht, daß diese Ängste weniger wirkungsvoll wären.
Aber es bedeutet, daß sie entkräftet werden können. Die
Entkräftung der Ängste, die einen Raucher so schwer plagen,
ist möglich, weil sie auf Falschannahmen beruhen. Und diese Falschannahmen
müssen Sie durchschauen, bevor sich Ihre Befürchtungen verflüchtigen.
Die Angst vor der Leere ist etwas, das den Raucher, der aufhören
will, stark beschäftigt. Womit wird er sich belohnen, motivieren,
stimulieren, entspannen oder trösten, wenn er keine Zigaretten mehr
zur Verfügung hat, fragt er sich. Diese Frage übersieht einige
wesentliche Fakten. Kein Nichtraucher vermißt in seinem Leben Nikotin
als Stimulans oder Motivator oder was auch immer. Das deutet darauf hin,
daß Nikotin all diese Eigenschaften nicht besitzt. Sie sind bloße
Fiktion und kommen zustande, weil die Sucht den Raucher zunächst
aus der inneren Balance bringt, um ihm dann über das Nikotin eine
kurze Rückkehr zur Balance zu gewähren.
Genau genommen erreicht ein Raucher selbst durch die Aufnahme von Nikotin
nicht mehr jenen Zustand von Konzentration oder auch Entspannung, der
für einen Nichtraucher ganz natürlich ist. Es ist eher wie die
kurze Erinnerung an Momente, in denen das Blut noch nicht durch ein Nervengift
verseucht war. Daraus folgt, wie wichtig es ist, die vermeintlich positiven
Wirkungen des Rauchens als eine Täuschung zu durchschauen.
Und da es Täuschungen sind, können Sie sie überwinden,
indem Sie einen Blick auf die Wirklichkeit werfen: Schauen Sie sich das
Leben von Nichtrauchern an. Genau wie diese Menschen müssen auch
Sie nicht rauchen, um das Leben zu genießen. Im Gegenteil, wenn
Sie aufhören zu rauchen, werden Sie beginnen, das Leben auf eine
Weise zu genießen, die Ihnen jetzt unmöglich erscheint: frei,
ungezwungen, selbstbestimmt, souverän.
Die Angst vor den Härten des Entzugs ist ebenfalls Resultat einer
Täuschung. Zunächst einmal müssen Sie sich klarmachen,
daß die körperlichen Entzugserscheinungen zwar durchaus wahrnehmbar,
aber wirklich sehr gering sind. Ich kenne keinen Raucher, der von körperlichen
Schmerzen in den Tagen nach der letzten Zigarette berichtet hätte.
Falls Sie selbst schon einmal versucht haben, längere Zeit nicht
zu rauchen, dann erinnern Sie sich bitte an diese Phase. Ich glaube Ihnen,
wenn Sie sagen, daß diese Zeit für Sie schlimm war, aber ich
denke nicht, daß Sie Schmerzen hatten...
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